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Einmal, als ich sie in ihrem Atelier besuchte (damals noch im Monbijoupark) zeichnete sie an einem Format, das viel größer war als sie selbst. Eine Leinwand, vielleicht zwei Meter und fünfzig hoch. Zu sehen war ein großes kegelförmiges Gebilde, das aus einem Wirbel unendlich vieler filigraner Linien, aus Gittern und Strukturen bestand. Graphitschwarze, reich facettierte Lineatur auf weißem Grund, wenig Fläche, wenig Farbe, wenn ich mich recht erinnere, ultramarinblau. Die dominierende Trichterform und eine unerhört reiche, vibrierende Binnenzeichnung.

Yvonne Andreini zeichnet, wenn sie zeichnet, immer die ganze Welt. So scheint es mir. Besonders auf diesen großen Formaten. Mit den ersten zeichnerischen Spuren gibt sie sich  gewissermaßen die Tonart vor, in der sie sich weiter über das Viereck bewegen wird. Es scheint, als sei da eine (freilich von ihr initiierte) jeweilige Eigengesetzlichkeit der Fläche im Spiel, und die Zeichnerin hat das Talent, sich von ihr tragen zu lassen, ganz so, wie eine gute Sängerin sich beinahe anstrengungslos von der Musik tragen lässt: Lust ist im Spiel, die Lust singen zu können und das Glück singen zu dürfen. Ganz auf diese Weise, denke ich, zeichnet Yvonne: lustvoll, glücklich, energisch und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Sie zeichnet die ganze Welt, und wenn sie ihre Zeichnung dann ausstellt, schreibt sie  lakonisch als Bildtitel EISTÜTENMASKE darunter. Zum Beispiel. Weiß jemand, was das ist, eine Eistütenmaske? Oder anders gefragt: müssen wir das wissen?

Einmal im vergangenen Jahr haben wir uns per E-Mail gegenseitig Fragen geschickt, auf die wir keine Antworten, sondern Gegenfragen erwartet haben. Gewiss: in der Regel sucht eine Antwort, wer eine Frage stellt. Aber jede Antwort generiert eine neue Frage. Ist das eine Kreisfigur? Oder nicht vielmehr eine Spirale? Der Kreis kehrt in sich selbst zurück, die Spirale nicht. Damals hat Yvonne ihre Zeichnungen mit Fragen verglichen. Meine Zeichnungen sind meine Fragen, sagte sie. Sie bewegt sich, stelle ich mir vor, auf diesen imaginären Spirallinien und findet, je nach der Richtung, die sie einschlägt, sich selbst oder die ganze Welt. Das Gestisch-Prozesshafte spielt eine Hauptrolle. Sie hat am Beginn der Arbeit noch nicht das voraussichtliche Resultat vor Augen. Erst aus dem offenen, immer auch riskanten Prozess des Machens entsteht die Form. Ihr Vokabular ist reich und ungewöhnlich. Einmal habe ich Yvonne vor einer ihrer Zeichnungen um Interpretationshilfe gebeten. Sie sprach damals von gegenständlichen Anregungen, zum Beispiel nannte sie Schirm, Kamm, Hut und Zähne. Es scheint so zu sein, dass die Dinge und Begriffe einen Schatten werfen, ein Echo hinter ihrer Stirn erzeugen, das die Hand zum Zeichnen veranlasst. Zeichnen also als ein paralleler Vorgang entlang ganz individueller Denkbewegungen, die allemal eher assoziativ als analythisch sind. Klingt kompliziert, ist es wohl auch, nur passiert dies bei Yvonne offenbar mit einer ebenso impulsiven wie energischen Leichtigkeit, die staunen macht und den, der darüber schreiben soll, ein wenig ratlos. Er wird keine schlüssigen Erklärungen finden.

Zeichnen ist eine andere Art von Sprache. Der Satz stammt von Richard Serra. Aber er hat, glaube ich, nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sprechen nicht die Zeichner, die sich einer digital dominierten Bildwelt entgegenstellen und glücklicherweise wieder vermehrt in den Ausstellungen sichtbar werden, eine hochdifferenzierte, babylonisch verwirrende Vielzahl von Sprachen?

Wenn ich erklären könnte, was ich gezeichnet habe, hätte ich es nicht zu zeichnen brauchen: eine der ältesten Rechtfertigungen für künstlerisches Tun. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Es ist die Aufgabe der Kunst, sie zu stellen und auf jenen Wegen unterwegs zu sein, die die Theologen und Philosophen längst aufgegeben haben: auf der Suche, vielleicht, nach den Weltgegenden, die man früher als Utopia bezeichnet hat.

Auch wir Betrachter haben keine Antworten. Was also ist zu tun? Genau hinschauen, ganz genau, und weiter fragen, immer weiter! Vielleicht finden wir ja eines Tages etwas, von dem wir heute noch nicht wissen, dass wir es seit langem gesucht haben...

Hans Mendau

geboren 1985 in Rom.

Lebt und arbeitet in Berlin.

Ausbildung

2004-2005 Zeichen- und Malereikurse bei Matthäus Thoma
2005
 
Studium der Freien Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit Schwerpunkt Zeichnen bei Prof. Hanns Schimansky
2010 Diplom bei Prof. Hanns Schimansky
  Meisterschülerin bei Prof. Hanns Schimansky

  

Einzelausstellungen

2010 „Yvonne Andreini", Galerie Jürgensen, Oetjendorf bei Hamburg
2011 „…“, Galerie REIGN OF ART, Berlin

 

Gruppenausstellungen

2006 „Verwirrungen“, Frankfurt/M
2007 „Ali Babas Reis“ Lynar 4, Berlin
2008 „Förderplatte“ Berliner Kunstsalon, Berlin
2009 „Kalligraphie" Metropolitan Museum, Tokio
  „Nord Art 2009" Kunst in der Karlshütte, Büdelsdorf
  „Prolog Nr. 4” Heft für Zeichnung und Text, Galerie Parterre, Berlin
  „Zeichenklasseplus Schimansky”, Galerie Parterre, Berlin
  Eröffnung der Galerie-Projektraum „SHANGL HANGL”, Berlin
  „Prolog Nr. 5″ Heft für Zeichnung und Text, Druckertankstelle, Berlin
  „Anonyme Zeichner Nr. 10", Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
2010 „Avalanche Project", Maribel Lopez Gallery, Berlin
  „59 Keisei", Kalligraphie Ausstellung, Tokio
  Diplom- und Meisterschüler Ausstellung, Uferhallen, Berlin
  Kuration, Organisation und eigene Teilnahme an der Ausstellung: „Everybody learns from Disaster“, Villa Elisabeth, Berlin
  „Blind Date", Galerie im Regierungsviertel, Berlin
2011 „REIGN OF ART Berlin“, Galerie Reign of Art, Berlin
  „Prolog Nr. 7 Heft für Zeichnung und Text“, Garten der Scheffelstraße 21, Berlin
  „REIGN OF ART FRANKFURT“, Galerie REIGN OF ART, Frankfurt/M
  „Yvonne Andreini – Kazuki Nakahara“, Galerie Inga Kondeyne, Berlin

 

Preise / Projekte

2007-2008 Gründung des Projektraumes LYNAR 4 für Zeichnung, Malerei, Installation, Bildhauerei, Musik und Klangkuns
2008 Verleihung des DAAD Preises für die beste ausländische Studentin der Kunsthochschule Berlin Weißensee